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🇻🇺 Vanuatu – Ein spannender geschichtlicher Überblick

Ich muss zugeben: Bis vor wenigen Jahren hatte ich den Namen Vanuatu noch nie bewusst gehört. Erst als ich meine Reise plante und auf die spektakulären Wracktauchplätze dieser kleinen Inselgruppe im Südpazifik stieß, wurde ich neugierig. Heute weiß ich: Vanuatu ist nicht nur ein Paradies für Taucher, sondern besitzt auch eine außergewöhnliche Geschichte, die weltweit ihresgleichen sucht.

Die ersten Bewohner erreichten die Inseln bereits vor rund 3.000 Jahren, also etwa 1.000 v. Chr.. Sie gehörten zur sogenannten Lapita-Kultur und kamen aus Südostasien über Papua-Neuguinea in den Südpazifik. Mit ihren Auslegerkanus besiedelten sie nach und nach die Inseln und legten den Grundstein für die heutige Bevölkerung.

Den ersten dokumentierten europäischen Kontakt gab es im Jahr 1606, als der portugiesische Seefahrer Pedro Fernandes de Queirós im Auftrag Spaniens die größte Insel erreichte und ihr den Namen Espíritu Santo gab – daher stammt der heutige Name der Insel Espiritu Santo. Berühmt wurde die Inselgruppe jedoch erst 1774, als der britische Entdecker James Cook sie auf seiner zweiten Weltumsegelung kartierte und ihr den Namen New Hebrides, auf Deutsch Neue Hebriden, gab. Dieser Name blieb mehr als 200 Jahre bestehen.

Besonders faszinierend ist die Kolonialgeschichte. Anfang des 20. Jahrhunderts konnten sich Großbritannien und Frankreich nicht darauf einigen, wem die Inselgruppe gehören sollte. Anstatt einen der beiden Staaten als Kolonialmacht einzusetzen, schufen sie ein weltweit nahezu einzigartiges Konstrukt: Beide Länder regierten die Neuen Hebriden gleichzeitig. Dieses sogenannte Anglo-Französische Kondominium bestand von 1906 bis 1980.

In der Praxis bedeutete das für die Bewohner einen kaum vorstellbaren Verwaltungsaufwand. Es gab zwei Regierungen, zwei Polizeien, zwei Gerichtssysteme, zwei Schulsysteme und zwei Verwaltungen – eine britische und eine französische. Je nachdem, welchem System man zugeordnet war, galten unterschiedliche Gesetze. Kein Wunder, dass dieses Konstrukt von vielen Menschen eher als „Pandemonium“ – also Chaos – bezeichnet wurde.

Erst in den 1970er-Jahren entstand eine starke Unabhängigkeitsbewegung unter der Führung von Walter Lini. Nach politischen Spannungen und einem separatistischen Aufstand auf der Insel Espiritu Santo wurde das Land schließlich am 30. Juli 1980 unabhängig und erhielt seinen heutigen Namen Vanuatu.

Der Name setzt sich aus den Wörtern „Vanua“ für Land oder Heimat und „Tu“ für stehen oder aufrecht sein zusammen. Sinngemäß bedeutet Vanuatu also „Das Land, das auf eigenen Beinen steht“ oder „Unser Land“. Seit der Unabhängigkeit ist Vanuatu eine parlamentarische Republik.

Wirtschaftlich lebt das Land heute vor allem vom Tourismus, von der Landwirtschaft mit Kokosnüssen, Kakao, Kava und anderen tropischen Produkten sowie von der Fischerei. Hinzu kommen Einnahmen aus Offshore-Finanzdienstleistungen und aus der Entwicklungshilfe internationaler Partner. Trotz seiner landschaftlichen Schönheit gehört Vanuatu wirtschaftlich noch immer zu den ärmeren Staaten des Pazifiks.

Eine ganz besondere Rolle spielte die Inselgruppe während des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Kriegseintritt Japans benötigten die Vereinigten Staaten einen großen und sicheren Stützpunkt im Südpazifik. Die Wahl fiel auf Espiritu Santo, dessen geschützter Naturhafen ideale Voraussetzungen bot.

Innerhalb kürzester Zeit entstand dort eines der größten amerikanischen Logistikzentren im Pazifik. Zeitweise waren mehr als 100.000 amerikanische Soldaten auf der Insel stationiert – deutlich mehr Menschen als damals auf der gesamten Inselgruppe lebten. Die US-Streitkräfte errichteten Flugplätze, Hafenanlagen, Krankenhäuser, Werkstätten, riesige Treibstofflager sowie gewaltige Nachschubdepots. Von Espiritu Santo aus wurden die amerikanischen Streitkräfte bei den großen Operationen im Südpazifik versorgt.

Nach Kriegsende stellte sich die Frage, was mit den riesigen Mengen an militärischem Material geschehen sollte. Die Amerikaner wollten ihre Fahrzeuge und Ausrüstung nicht verschenken, während die britischen und französischen Kolonialverwaltungen nicht bereit waren, den geforderten Preis zu zahlen. Schließlich entschied sich das US-Militär für eine spektakuläre Lösung: Tausende Tonnen militärischer Ausrüstung wurden einfach ins Meer geschoben.

So entstand Million Dollar Point, heute einer der bekanntesten Wracktauchplätze der Welt. Auf dem Meeresboden liegen bis heute Lastwagen, Jeeps, Bulldozer, Pontons, Baumaschinen, Ersatzteile und unzählige weitere militärische Ausrüstungsgegenstände – ein einzigartiges Unterwassermuseum.

Nicht weniger beeindruckend ist die Geschichte der SS President Coolidge. Das ursprünglich als luxuriöses Passagierschiff gebaute Schiff wurde im Krieg zu einem Truppentransporter umgebaut. Im Oktober 1942 lief es mit mehr als 5.000 Soldaten und Besatzungsmitgliedern in den Hafen von Espiritu Santo ein und geriet dabei auf amerikanische Seeminen, die zum Schutz des Hafens vor japanischen Angriffen ausgelegt worden waren. Das Schiff sank vergleichsweise langsam, sodass – bis auf zwei Menschen – alle an Bord gerettet werden konnten.

Heute liegt die rund 200 Meter lange SS President Coolidge in Tiefen zwischen etwa 20 und 70 Metern und zählt zu den berühmtesten und beeindruckendsten Wracktauchplätzen der Welt. Das Wrack ist außergewöhnlich gut erhalten und kann sowohl außen als auch in weiten Teilen des Inneren betaucht werden. Für viele Taucher ist ein Tauchgang an der Coolidge ein Lebenstraum.

Meine Reise nach Vanuatu begann ursprünglich mit der Suche nach außergewöhnlichen Tauchplätzen. Was ich gefunden habe, ist jedoch weit mehr als das: eine faszinierende Geschichte, eine einzigartige Kultur und ein kleines Inselland, das trotz seiner bewegten Vergangenheit bis heute seinen ganz eigenen Charakter bewahrt hat. Gerade diese Mischung aus spektakulärer Natur, Weltkriegsgeschichte und einer weltweit einmaligen Kolonialgeschichte macht Vanuatu für mich zu einem der spannendsten Reiseziele, die ich bisher besucht habe.