Wer bei Espiritu Santo ausschließlich an spektakuläre Wracktauchgänge denkt, tut der größten Insel Vanuatus unrecht. Natürlich war die legendäre SS President Coolidge der Hauptgrund meiner Reise. Doch zwischen den Tauchgängen wollte ich auch die Insel selbst kennenlernen – und wurde mit einigen unvergesslichen Erlebnissen belohnt.
Einen Tag hatte ich mir einen einheimischen Taxifahrer gebucht, der mich einmal quer über die Insel zu den schönsten Sehenswürdigkeiten brachte. Schon die Fahrt selbst war spannend. Abseits der kleinen Stadt Luganville wird das Leben schnell deutlich ursprünglicher. Kleine Dörfer, einfache Holzhäuser, tropische Vegetation und immer wieder beeindruckende Ausblicke auf das Meer vermitteln einen guten Eindruck davon, wie entspannt und naturverbunden das Leben auf Espiritu Santo ist.
Zu den Höhepunkten gehörten mehrere traumhafte Strände mit feinem, hellem Sand und türkisfarbenem Wasser. Obwohl Vanuatu touristisch längst nicht so erschlossen ist wie viele Reiseziele in Südostasien, muss sich die Insel landschaftlich keineswegs verstecken. Im Gegenteil: Oft hat man das Gefühl, die Natur fast für sich allein zu genießen.
Ein besonderes Erlebnis waren die sogenannten Blue Holes – glasklare Süßwasserbecken, die von unterirdischen Quellen gespeist werden. Das Wasser schimmert in einem intensiven Blau und ist so klar, dass man bis auf den Grund blicken kann. Nach den warmen Temperaturen an Land war der Sprung ins kühle Süßwasser eine willkommene Erfrischung. Die Blue Holes gehören für mich zu den landschaftlichen Highlights der Insel und sind ein idealer Ort, um einfach einmal die Ruhe der Natur zu genießen.
Am nächsten Tag stand dann ein völlig anderes Abenteuer auf dem Programm: die Millennium Cave Tour.
Bereits im Vorfeld hatte ich viel Positives über diesen Ausflug gelesen. Trotzdem war ich überrascht, wie anspruchsvoll die Tour tatsächlich ist. Nach einer Wanderung durch den tropischen Regenwald erreicht man eine riesige Höhle, durch die sich ein Bach seinen Weg bahnt. Von dort beginnt ein Abenteuer, das man so schnell nicht vergisst.
Es geht über rutschige Felsen, durch knietiefes bis hüfthohes Wasser, zwischen riesigen Gesteinsblöcken hindurch und immer wieder kletternd über natürliche Hindernisse. Zwischendurch schwimmt man durch einzelne Abschnitte des Flusses, während sich über einem die gewaltigen Felswände der Höhle auftürmen. Die Natur ist spektakulär und wirkt an vielen Stellen nahezu unberührt.
So beeindruckend die Landschaft auch ist, so zwiespältig fiel am Ende mein persönliches Fazit aus. Der Sicherheitsstandard entsprach nicht unbedingt meinen Vorstellungen. Viele Passagen waren sehr rutschig, Geländer oder feste Sicherungen gab es nur vereinzelt, und an einigen Stellen hätte ein unglücklicher Tritt durchaus zu einer ernsthaften Verletzung führen können. Ich war ehrlich gesagt froh, die Tour am Ende ohne Verstauchung, Knochenbruch oder einen Sturz heil überstanden zu haben.
Trotzdem bleibt die Millennium Cave ein außergewöhnliches Naturerlebnis. Wer trittsicher ist, eine gute Kondition mitbringt und Abenteuer mag, wird dort auf seine Kosten kommen. Wer hingegen Wert auf hohe Sicherheitsstandards oder eine gemütliche Wanderung legt, sollte sich vorher genau überlegen, ob diese Tour die richtige Wahl ist.
Gerade dieser Kontrast macht Espiritu Santo für mich so faszinierend. Morgens taucht man an einem der berühmtesten Wracks der Welt, nachmittags schwimmt man in glasklaren Süßwasserquellen oder kämpft sich durch eine tropische Höhle. Kaum ein anderes Reiseziel verbindet Weltkriegsgeschichte, spektakuläre Unterwasserwelten und ursprüngliche Natur auf so eindrucksvolle Weise wie diese Insel im Südpazifik.